„Tänzer reagieren mit ihrem Körper auf Klang, Dirigenten setzen Körper in Klang um“

Mit solch bildhaft-philosophischen wie zugleich eigentlich banalen Umschreibungen und Erkenntnissen verlassen wir derzeit täglich die Proben. Es ist ein kleines Privileg, in dieser Zeit erstmals wieder in größerem Umfang künstlerisch tätig sein zu dürfen und mit unseren Körpern Noten in Klang umsetzen zu dürfen.

 

Was macht diesen Kurs also so besonders?

Größe: die Beschränkung auf 12 Teilnehmende hat Auswirkungen auf Repertoireauswahl, Probengestaltung, Intensität und Gruppendynamik. Jeder einzelne von uns ist viel stärker im Chorklang gefordert. Dafür ergeben sich im Vergleich zu den Vorjahren viel mehr Möglichkeiten zur Improvisation, Besetzung von kleineren Ensembles auch für die Konzerte und Einzelcoaching.

Distanz: Einzeltische beim Essen, Maskenpflicht und ein eigenes Wegeleitsystem im Haus sorgten anfangs natürlich für eine etwas reservierte Atmosphäre, an die wir uns inzwischen jedoch ganz gut gewöhnt haben. Viel gravierender ist da doch der großzügige Abstand zum Nachbarn in der Probenarbeit. Für den Sänger bedeutet dies, dass er vor allem auf sich selbst und das Einmischen im Raumklang angewiesen ist und den Nachbar nicht zur Korrektur nutzen kann. Eine Auswirkung, die für viele Chöre sicherlich eine Herausforderung wird und ganz neue Impulse und Konzepte durch den Dirigenten benötigt. Notiz am Rande: die Entfernung unterbindet auch auf positive Weise das individuelle Nachbereitungsgespräch mit dem Nachbarn – vornehmlich, während der Dirigent dasselbe von vorne tun möchte 😉

 

Was dieser Kurs aber ja auch ausprobieren möchte und uns eindrucksvoll zeigt: ganz vieles ist auch unter neuen Vorzeichen möglich! Natürlich entfallen viele Übungen oder Haltungskorrekturen mit Körperkontakt. Dafür ergeben sich neue, zunächst vielleicht „falsch“ oder „nicht künstlerisch“ wirkende Formen und Möglichkeiten. Kunst entwickelt sich immer anhand der gesellschaftlichen Gegebenheiten weiter!

 

Vielleicht noch ein paar Worte zur inhaltlichen Arbeit:
Dirigieren ist harte Arbeit an sich selbst. Unsere Schwächen und Unklarheiten zeigen sich unmittelbar und werden uns von den Dozierenden gespiegelt und deutlich gemacht. Gleichzeitig passiert dies immer auf eine höchst wertschätzende Art und betont auch die funktionierenden Aspekte. Besonders Freude machen die großen individuellen Fortschritte, wenn Hinweise vom Vortag direkt umgesetzt werden. Oft sind es die musikalisch simpel erscheinenden Stücke, die am schwierigsten gut umzusetzen sind und man deshalb eine Menge von ihnen lernen kann.

 

„Wenn sich Bewegung und Atem verschmolzen haben, kann man mit letzterem sogar aufhören“

(Text und Bild: Moritz Glisbach)