Ein vielstimmiger lauter, durchdringender Klagelaut schallt in Littenweiler aus dem Lehrsaal des „Waldhofes“. 14 Stimmen seufzen gemeinsam in einem Raum und sollen „wittern statt riechen“, um das Zwerchfell nicht kollabieren zu lassen – was nach einem tragischen Corona-Vorfall klingt, ist jedoch alles andere als das!

 

Die Menschen in diesem Raum sollen die Sandwich-Haltung einnehmen, ihre Füße in den Sand graben, auf einem Floß stehen, mit imaginären Expandern arbeiten, in die obere Etage wandern, Bowlen, eine Klangexplosion entwickeln, Honig in die Ohren stopfen, ein Sofa im Rachenraum, die Tulpenschnute, gutartige Schwebeteilchen, geräuschloses Hauchen, mit der Zungenspitze trommeln … – was nach einem fantastischen Abenteuerurlaub klingt, ist in Wahrheit eine derzeit scheinbar unvorstellbare Situation: Mehrere Menschen singen zusammen in einem Raum!

 

 

Micheal Reif (Kursleitung) und Hannes Piening (AMJ-Generalsekretär) klären die letzten Hygiene-Details.

Sie sind die ersten Mutigen nach dem Corona-Shut-down, die an einem Kurs des AMJ als SängerInnen und ChorleiterInnen teilnehmen. Was im März noch unvorstellbar war, wird heute unter höchsten Vorsichtsmaßnahmen und ausgefeilten Hygienekonzepten Wirklichkeit:
Es wird wieder gesungen!!!

 

 

Wie sehr die 12 wagemutige StudentInnen, SchülerInnen, KirchenmusikerInnen, PhysiotherapeutInnen, WirtschaftsingenieurInnen, LehrerInnen und MusikwissenschaftlerInnen dies in den letzten Monaten vermisst haben wird sofort deutlich. Ein aufgeregt freudiges Lächeln breitet sich schlagartig über alle Gesichter aus, sobald der erste Akkord erklingt und jeder Teilnehmer vor „seinem“ neuen Chor steht, um ihn zu dirigieren.

 

Was für 2020 als neuartige „AMJ Summerclass – Chorleitung und Stimme“ geplant war, wurde als Ersatzkurs „Chorleitung und Stimme – Chorarbeit unter besonderen Bedingungen“ der aktuellen Situation angepasst.

 

Michael Reif (Neben den Noten ist immer dabei: Der Mund-Nasen-Schutz).

Die beiden Dozenten Michael Reif (Köln) und Angela Postweiler (Berlin) und der AMJ haben zusammen mit dem „Waldhof“ ein umfangreiches Hygienekonzept erarbeitet, um den Kurs doch noch stattfinden lassen zu können.

Der Dirigent und Chorleiter und die Stimmbildnerin und Sängerin arbeiten 10 Tage lang unter ausgetüftelten Corona-Bedingungen mit den 12 Teilnehmern an (chorischer) Stimmbildung und ihrer Didaktik, Dirigiertechnik, Stimmcoaching, Schlagtechnik, Methodik, Improvisation und vielem mehr.

 

 

 

 

 

 

 

Sogar zwei Abschlusskonzerte sind geplant (natürlich auch unter Mindestabständen und mit Hygienekonzepten für Ausführende und Publikum).

 

Angela Postweiler (Trotz Abstand über all zu spüren und motivierend bei der morgendlichen Chorischen Stimmbildung)

Die gemischte Truppe ist sehr motiviert, wissbegierig und doch sehr vorsichtig. Pfeile und Schilder zeigen klare Hinweise zu Laufwegen, Verhalten und Einzelsitzplätzen. Der Ablauf ist definitiv anders als in den Vorjahren. Einzelplätze bei den Mahlzeiten, Mindestabstand in 3D zu allen Sitznachbarn, Lüftungspausen, Singen bei „Durchzug“, Einbahnstraßen-Flure, um Gegenverkehr zu vermeiden, Desinfektionsmittel an jeder Ecke …

 

„Es ist viel ruhiger als sonst“ oder „man hat viel mehr Zeit für sein Coaching in dieser überschaubaren Gruppengröße“ – der Kurs ist wirklich Besonders und in dieser Form wohl einzigartig. – und trotzdem: hoffentlich im nächsten Jahr wieder anders…

Die Teilnehmer sind sehr konzentriert bei der Sache, Gespräche finden häufig in der Großgruppe statt, der Abstand zueinander ist die Gemeinschaft wächst intensiv zusammen. So privilegiert unterrichtet zu werden in dieser eher kleinen Gruppe.

 

Der AMJ scheint noch ein Vorreiter zu sein, der jedoch Mut machen will und es wirkt:

 

  • „Jetzt bin ich wieder richtig motiviert nach der langen Pause“ (20jähriger Musikstudent)
  • „Es war ein sehr bewegender Moment, als die ersten Akkorde erklangen“
  • „Es ist zwar merkwürdig, dass die Stimmnachbarn so weit weg sind, aber man gewöhnt sich auch daran – in diesem Raum klingt es gut“

 

Unter Corona-Bedingungen im Chor zu singen und zu dirigieren ist möglich! Und man kann glücklich sein, dass die Klagelaute vom Anfang nur eine Einsing-Übung waren. Die allgemeine Stimmung der Teilnehmer ist definitiv rein. 🙂

Wir wünschen allen, die nicht an diesem Kurs teilnehmen können viel Spaß beim verfolgen der Blog-Beiträge und freuen uns, wenn wir die Sehnsucht nach dem Singen im Chor etwas stillen können oder Mut machen, dass es möglich ist unter bestimmten Voraussetzungen.
Bleibt gesund und freut euch auf mehr gute Stimmung… 🙂

Raphaela Hein